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Kommentare (2)
Kategorie: Wirtschaft international
16.5.2012, 09:12
Ist die EZB Schuld am griechischen Debakel?
Dieser Beitrag ist durch Pascal Bührig inspiriert, der mir auf der Facebook-Seite von «ECO» den Vorschlag gemacht hat, über die Frage zu schreiben, ob nicht die Europäische Zentralbank EZB, die EU und der Währungsfonds - also die sogenannte Troika - Schuld an der Krise Griechenlands sind.


Die Frage ist berechtigt, denn letztlich waren es die für Griechenland zu tiefen Zinsen, die das Land in die aktuelle Krise gestürzt haben. Vor dem Eintritt Griechenlands verlangten die Geldgeber von Griechenland einen Zins, der dem Risiko angemessen war, in Griechenland zu investieren. Dieses Risiko war natürlich deutlich höher als ein Investment in Deutschland. Deshalb waren vor dem Euro-Beitritt die Zinsen in Griechenland viel höher als etwa in Deutschland.


Mit dem Beitritt Griechenlands haben sich die Zinsen auf einen Schlag massiv reduziert, denn die relativ tiefen Zinsen, welche die EZB für den gesamten Währungsraum festgelegt hat, galten nun auch für Griechenland. Die Anleger sahen kein Risiko mehr, in Griechenland zu investieren, denn Griechenland war ja jetzt ein Euroland. Griechenlands Zinsen waren zwar immer noch leicht über jenen Deutschlands - aber eben nur ein wenig.


Griechenland kann nicht Pleite gehen?
 

Das hat selbstverständlich dazu geführt, dass sich zum Beispiel deutsche Banken viel zu stark in Griechenland engagiert haben, als dies ökonomisch sinnvoll gewesen wäre. Deutsche und auch französische Banken fanden es attraktiv, leicht höhere Zinsen als in Deutschland zu kassieren, dafür aber eigentlich null Risiko zu haben. Denn Griechenland konnte ja als Euro-Land nicht Pleite gehen - so jedenfalls sah man das in Finanzkreisen noch vor 5 Jahren.


Das hat in Griechenland zu einem gewaltigen Boom geführt, der rein kreditgetrieben war. Wenn das Geld so günstig ist, dann ist es ja rational, Schulden zu machen. Jeder, der keine Schulden macht, ist dumm. Der zinsgetriebene Boom wäre nicht so schlimm, wenn dadurch produktive Investitionen ausgelöst worden wären, die Griechenlands Wirtschaft stärker und wettbewerbsfähiger gemacht hätten.


Aufgeblähter Staatsapparat, hohe Löhne, Inflation


Stattdessen ist das Geld aber für Konsum, einen aufgeblähten Staatsapparat und hohe Löhne der Funktionäre ausgegeben worden. Die Parteien mussten nach den Wahlen jeweils ihre Klientel zufriedenstellen, was zu noch mehr Staatsangestellten geführt und die Bürokratie verstärkt hat.


Der zinsgetriebene Boom hat zudem die Inflation angeheizt und die Löhne hochgetrieben, was die Konkurrenzfähigkeit der griechischen Wirtschaft verschlechtert hat. Die an sich gute Entwicklung, dass auch Griechenland von den tiefen Zinsen des Euro-Raumes profitieren konnte, sorgte letztlich dafür, dass Griechenland mittelfristig nicht mehr konkurrenzfähig war.
 

Wer ist nun Schuld? Nun wissen wir ja, dass sich die Griechen ihre Euro-Mitgliedschaft «erschwindelt» haben - sie haben die statistischen Daten frisiert, sonst wäre das Land nicht in den Euro-Kreis aufgenommen worden. Die Griechen, die etwas getrickst haben, die EU, die weggeschaut hat und das Land als «Wiege Europas» unbedingt dabei haben wollen? Oder ist die EZB Schuld, die die Zinsen zu tief angesetzt hat? Sind die Gläubiger Schuld, die zu stark in griechische Papiere investiert und die Risiken ausgeblendet haben? Oder ist letztlich das ganze Konstrukt Euro falsch - eine Währung für einen so unterschiedlichen Wirtschaftsraum?

ECO vom 19.04.2010
«ECO» vom 19.04.2010

Die Fragen sind insofern müssig, als die Vergangenheit nicht rückgängig gemacht werden kann. Letztlich muss jetzt eine Lösung gefunden werden. Die Mehrheit der Griechen ist ja nach wie vor für die Beibehaltung des Euro.


Das Beispiel Griechenlands zeigt exemplarisch, dass eine Währungsunion nur funktioniert, wenn die in ihr verbundenen Länder ähnliche Strukturen aufweisen. Sind die Strukturen in einem Wirtschaftsraum zu verschieden, trägt eine Währungsunion dazu bei, dass sich die Unterschiede nicht einebnen (wie das gehofft wurde), sondern sogar akzentuieren.


Mit dem Euro wollte man den Wirtschaftsraum Europas stärken - was grundsätzlich eine hervorragende Idee ist. Europa kann den riesigen Volkswirtschaften Amerikas und Asiens nur etwas entgegenhalten, wenn es geeint auftritt. Die Tragik besteht darin, dass der Euro inzwischen Europas Stellung nicht stärkt, sondern die Spaltung des Kontinents in einen wirtschaftlich potenten Norden und einen armen Süden vorantreibt.


Kommentare
H. Bernoulli
18.5.2012, 22:22

Es wäre falsch, nur Europa im Blickfeld zu behalten, um die historische Situation zu erfassen, in dem sich das heutige weltweite ökonomische System befindet.
Im Euroraum treffen zwei ökonomische Illusionen aufeinander. Da ist die Fehlkonstruktion der Währungsunion. Aber war da 2008 nicht auch noch etwas, welches mit dem Euro nichts zu tun hatte? Man sollte sich die Frage stellen, wie es um die Industrieländer steht, welche eine solche problematische Währungsunion nicht zu verkraften haben: USA, Japan, Grossbritannien, Kanada.
Zur vielleicht weniger bekannten Situation in Kanada: "Private Rekordverschuldung in Kanada macht Regulierer nervös" (Link:
http://www.wirtschaftsfacts.de/?p=15770)
Deutschland, welches von den Ungleichgewichten in Europa profitieren konnte, steckt ebenfalls in der Schuldenfalle. Warum geht es Deutschland als hauptsächlichen Gewinner der Eurozone nicht besser?

Wo man hinsieht: Überschuldung und ein realistisch bewertet bankrottes Bankensystem, würden die eingetroffenen und zu erwartenden Abschreibungen nicht unter dem Teppich gewischt und würden die Staaten den Sektor nicht massiv stützen. Ein weiteres Merkmal dieser Endphase der kapitalistischen Wirtschaften ist die herausragende Rolle der Immobilienblasen. Geld in Boden investiert schafft nun mal keine Werte, sondern nur ein illusionäres bzw. inflationäres Vermögenswachstum, dem keine Leistung zugrunde liegt.

Im Grunde genommen schiebt man in fast all den Industriestaaten den Tag der grossen Abrechnung vor sich hin. Der Tag, an dem für die illusionären Vermögensakkumulation der Vergangenheit die Rechnung präsentiert wird. Dass dieser Tag im heutigen Geldsystem irgend wann kommen muss, ist der Geldreformbewegung schon seit Jahrzehnten klar und rein logisch zwingend. Das Vermögenswachstum nach dem Zinseszinsprinzip ist ein exponentielles Wachstum, welches auf Dauer real nicht finanzierbar ist. Würde an einem realistischen Verhältnis der Schulden und Vermögen im Verhältnis zum BSP festgehalten, würden also die Staaten keine Überverschuldung im privaten wie im öffentlichen Sektor zulassen, käme der Punkt der notwendigen Korrektur viel früher. Um dies zu verhindern, hat sich das illusionäre Schulden- und Vermögenswachstum von der Realwirtschaft abgekoppelt, damit die Schulden- und Vermögenswachstumsspirale weiter drehen konnte wie in einem Schneeballsystem. Und wie in einem solchen waren die Gewinne der Gegenwart lediglich ein Spiegelbild zukünftiger Verluste. Jetzt neigt sich diese Spirale nicht nur in Europa dem Ende zu. Eine notwendige Marktbereinigung wurde 2008 erneut abgewendet, nachdem IWF und Weltbank schon verschiedentliche bedrohliche Feuer löschen mussten. Die abgewendete Marktbereinigung wird aber mit immer mehr Wucht und Intensität anklopfen, bis kein noch so hoher Damm diese wird verhindern können.


Friedrich Glantschnig
21.5.2012, 16:59

H. Bernoulli hat mit seiner Analyse absolut recht. Der Schaden ist nun einmal da.Eine Lösung ist wohl nur durch eine wirksame Kontrolle und einen rigorosen Umbau des heutigen irrationalen internationalen Finanzsystems möglich.
Schulden einfrieren,
Hilfsgelder für den wirtschaftlichen Aufbau
verwenden und für eine gewisse Zeit nicht zur
Schuldenbedienung.
1% Zins generell würde genügen. Wir erhalten ja auch nur 0.5%
Verbot des Eigenhandels der Banken, Eindämmung der uferlosen Spekulation.
Warum setzen sich keine Politiker dafür ein?


Werner Jann
21.5.2012, 17:26

Wenn die Gesellschaft lediglich noch Macht und
Reichtum anstrebt, hingegen jegliches ethische, soziales und kulturelles Gebaren ausser Acht lässt, wird
sie in der selben Zeitspanne und mit den selben wirtschaftlichen
Konsequenzen zugrunde gehen, wie die abendländische Geschichte seit Jahrhunderten regelmässig dokumentiert. Wir sind leider weder intelligenter noch klüger geworden und werden in Kürze finanziell Bankrott gehen. Dann mag die Hoffnung obsiegen, von vorneherein aber besser
neu zu beginnen.


Hanspeter Bruhin
21.5.2012, 18:50

Verlogenheit


Hanspeter Bruhin
22.5.2012, 00:06

Griechenland ist nur ein Zipfelchen der EURO Problematik. (3sat Interview mit Sarazyn).


M. Schmid
22.5.2012, 12:12

Griechenland fälschte Zahlen, auch Frankreich und Deutschland brachen die Defizitgrenze, die EZB kommuniziert nicht alle Kapitalflüsse, sie weicht ihre "Liquiditätspolitik" ständig auf. Es gab die erste Rettungsaktion, welche gemäss offiziellen Darstellungen die letzte sein sollte, dann gab es eine zweite, dann spricht man von einer dritte. Sparen sollte helfen, nun will man die Sparpolitik über Bord werfen. Mangelhafte Informationen, zahlreiche Schwenker, das alles schafft wenig Vertrauen.

Immer wieder kommt eine europäische Ratingagentur ins Gespräch. Diese soll, die "wahre Lage" kommunizieren. Sie dient eher dazu, die Wahrheit zu verschleiern. Kaum brach die Finanzkrise aus, trat der ehemalige Präsident Sarkozy am WEF auf und forderte, das neue Messer anstatt vom BIP verwendet werden sollen, um die Lage eines Staates zu definieren. Sozialwerke, Arbeitsrecht usw. kamen infrage. Anstatt die Probleme zu akzeptieren, zu kommunizieren und dann ein Plan zu entwickeln, arbeiten die Entscheidungsträger daran, sie zu verschleiern und zu verschleppen.

Zwar entschied die EZB, dass gewisse griechische Banken von ihr kein Geld bekommt. Aber über die griechische Zentralbank kommen sie über ein Notfallprogramm (ELA) an Liquidität. Die griechische Zentralbank holt das Geld von anderen Zentralbanken oder der EZB. Sollte der Euro zusammenbrechen, trägt die EZB ohne Zweifel eine zentrale Verantwortung für die Verwerfungen.

Anstatt sich über die Schuldfrage zu streiten – denn alle tragen eine Mitschuld – braucht es endlich einen Plan, den alle Akteure durchziehen. Da sich Griechenland und auch Spanien in einer Bilanzrezession befinden, braucht es einen Schuldenabbau, sodass staatliche Massnahmen beschränkt möglich sind. Der Staat zerrte sich in guten Zeit aus. Jetzt tut es besonders weh. Anleger verlieren und die Pleitestaaten bekommen kein Geld.

Das Interview mit Herrn Wellershoff in der Sendung war interessant. Griechenland kann Europa erpressen. In diesem Zusammenhang fällt mir immer ein Buch ein, das ich vor langer Zeit las. Es handelt sich um den Science-Fiction Roman "der Wüstenplanet". In diesem Zusammenhang interessiert der wirtschaftliche Aspekt, den man ihm letzten Kapitel lesen kann. Dabei droht der Anführer der Rebellen dem mächtigen Imperator, dass er den wichtigsten Rohstoff im Universum zerstört, um den Handel zum Erliegen zu bringen. Die Verbündeten des Imperators liefen zum Rebellenführer über.

Solange die europäische Union, die EZB und die Bürger, welche die Politiker wählen, Angst haben, dass mit einer Strafe für Griechenland oder andere Schuldensünder sie selbst leiden, können die sie erpressen. Es gibt eine Konflikt zwischen der EU und den Geberländern auf der einen Seite, sowie Griechenland, den anderen Schuldenstaaten und Staaten die auf der Schwelle dazu stehen auf der anderen Seite. Mit der Verschuldung in den Peripheriestaaten verhält es sich tatsächlich wie mit einer Drogensucht. Sie benötigen immer mehr davon, um überleben zu können. Die Staaten sind zu wenig produktiv, sie importieren mehr als sie exportieren, die Zinsen verschwinden nicht, irgendwann kommt es zum Systemversagen, so wie der Körper nach exzessivem Drogenkonsum kollabiert.

Wenn man Politikern zuhört, hat man oft das Gefühl, als verstünden sie nicht, dass Griechenland und Co. sich in einer Bilanzrezession befinden. Es gab keine Überschüsse im Angebot abzubauen, die Nachfrage brach nicht als erstes ein. Staat und private türmten zu viel Schulden auf. Mit diesen Schulen konsumierten sie – bildeten Nachfrage. Nun da die Substanz offensichtlich im Missverhältnis zu den Schulden steht, bekommen sie nicht mehr Geld. Das Brennmittel für die Nachfrage ging aus. Jetzt schlägt es auf die Realwirtschaft um.

Natürlich kann Griechenland aus dem Euro Raum austreten. Bis sich das Land erholt, braucht es Jahre. Ich denke, wenn sie die Löhne noch einmal reduzieren, wenn sie länger arbeiten, können sie im Euroraum bleiben. Das Leiden durch diese Massnahme übersteigt jenes durch einen Euro Austritt kaum. Griechenland selbst besitzt keine Rohstoffe. Diese musste es importieren. Es besitzt keine nennenswerte Industrie. Konsum und Investitionsgüter kommen aus dem Ausland. Medikamente müssen sie importieren. Das tut besonders weh.

Wenn Griechenland mit der Europäischen Union kooperiert, können sie auf die Solidarität der Gemeinschaft bauen. Ich glaube nicht, dass die EU zulässt, dass es in Griechenland zu einem erheblichen Notstand in Sachen medizinischer Versorgung kommt. Wenn Griechenland die Hand reicht, können sie nicht die Peitsche zücken. Das widerspricht der Doktrin der Europäischen Union. Dazu kommt der strategische Aspekt. Zücken sie die Peitsche, während Griechenland kooperiert, können sie die Kooperation anderer Peripheriestaaten vergessen. Ausserdem schätzen die USA die Krise gar nicht. Sie wollen einen günstigen Dollar und ihre Banken türmten Unmengen an Derivaten auf. China braucht die EU als Absatzmarkt. Für Druck von Aussen ist gesorgt.


Tino
3.6.2012, 16:14

Weshalb so kompliziert nach Fehlern und Schuldigen suchen, wenn die Erklärung liegt so nah; Wir haben ein total veraltetes, unzeitgemässes und undemokratisches Geldsystem, das eine Halbwertszeit von ca. 80 Jahren hat. Je nach Durchschnittszins.
PUNKT 1: Geld entsteht ausschliesslich durch Kredit bzw. Schuld.
PUNKT 2: Zins und Zinseszinsen sind IMMER WUCHER. Ob 15% oder 0,00001%! Jedes Zinssystem wuchert, weil es ein exponentielles System ist!
PUNKT 3: Schulden können NIEMALS in ihrer Gesamtheit abgebaut werden! Baut der Staat die Schulden ab, muss sie die arbeitende Bevölkerung oder/und die Industrie aufnehmen!
PUNKT 4: Die Weltleitwährung ist der Dollar. Der Dollar ist PRIVATES GELD eines privaten Konsortiums, der FED, welches die Amerikaner bzw. die ganze Welt als Leitwährung nutzt.
PUNKT 5: Fast alle Währungen sind an den Dollar gebunden, somit sind alle anderen Währungen ebenfalls Dollar und tragen nur einen anderen Namen.
PUNKT 6: der Euro ist offizielles Falschgeld! Niemand haftet dafür! Man sollte sich die Euro-Scheine mal genauer anschauen! Versucht man Euro zu fälschen wird man nur wegen Copyright-Verletzung angeklagt, nicht wegen in Umlaufsetzen von Falschgeld angeklagt.

Das sollte mal fürs Erste an Tatsachen reichen.


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