Wirtschaftsblog
Kommentare (2)
Kategorie: Schweizer Wirtschaft
5.6.2012, 12:05
Mindestkurs: Eine überflüssige Diskussion

Die Schweiz leistet sich derzeit eine unnötige Debatte um den Mindestkurs. Ich hatte in der Arena darauf hingewiesen, dass die Nationalbank den Mindestkurs unbegrenzt lange halten kann. Denn die Nationalbank kann theoretisch ohne Grenzen Franken drucken, um ihn so zu schwächen. 

 

Was eine viel entscheidendere Frage ist: Steht die Politik auch dann noch hinter der Nationalbank, wenn es richtig teuer wird? Diesen Härtetest musste die Politik bisher noch nicht bestehen, weil die Nationalbank den Mindestkurs dank guter Kommunikation bis jetzt mit relativ bescheidenen finanziellen Mitteln verteidigen konnte. Das könnte sich aber bald ändern. Nach der Debatte an diesem Wochenende ist viel Skepsis angebracht, ob die Politik es schafft, auch dann noch hinter der Nationalbank zu stehen, wenn es richtig teuer wird.

 

Unklar, ob die Nationalbank eine Exit-Strategie hat

 

Oswald Grübel hat in seiner Kolumne im «Sonntag» schon zum zweiten Mal eine Breitseite gegen den Mindestkurs abgefeuert. Es gibt durchaus viele Fragen rund um den Mindestkurs, die man aus ökonomischer Sicht stellen muss. Beispielsweise ist unklar, ob die Nationalbank eine Exit-Strategie hat. Denn es ist offensichtlich, dass die 1.20 nicht für alle Zeiten gehalten werden können, irgendwann muss die Nationalbank wieder zum System der freien Wechselkurse übergehen. Je früher, desto besser wäre es.

 

Es ist auch unklar, welche Auswirkungen die Anbindung des Wechselkurses auf die Inflation hat. Derzeit gehen die Preise in der Schweiz eher zurück, Inflation ist kein Thema. Aber das kann sich schnell ändern. Und natürlich darf man auch darüber diskutieren, ob die Nationalbank statt Euro zu kaufen, auf andere Investments ausweichen könnte. Peter Spuhler hat die Bildung eines Staatsfonds angeregt, der in europäische Unternehmen investiert.

 

Nationalbank hat sich auf risikoreichen Pfad begeben

 

Trotzdem gibt es derzeit keinen ernst zu nehmenden Ökonomen in der Schweiz, der für eine sofortige Aufhebung des Mindestkurses votieren würde. Die Gefahren für die Exportwirtschaft sind einfach zu hoch - viele KMUs kämpfen mit massiv erodierenden Margen im Export. Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. 

 

Die Nationalbank hat sich im Herbst auf einen risikoreichen Pfad begeben, das ist zweifellos wahr, aber dieser Kurs muss jetzt eisern durchgehalten werden. Denn was wäre denn jetzt die Alternative zum Mindestkurs? Wer jetzt eine intensive Debatte über den Mindestkurs führt, lädt Hedge Funds und Finanzspekulanten geradezu ein, gegen die Schweiz zu spekulieren.

 

ECO vom 04.06.2012

 

Letztlich ist Oswald Grübel auch als Privatmann immer noch ein Vollblut-Banker. Und es ist klar, dass Banken tendenziell eher Interesse an einem starken als an einem schwächeren Franken haben. Je stärker der Franken durch die Krise wird, desto mehr Geld fliesst in die Schweiz und wird hier angelegt. Das ist gut für die Banken - aber schlecht für die Export-Industrie und den Tourismus.


Kommentare
Arthur Fritzsche
6.6.2012, 17:29

Um der Schweizer Exportindustrie und dem Tourismus für eine kurze Zeit Luft zu verschaffen, will man lieber das ganze Vermögen der Schweizer Wirtschaft verdünnen? Sobald es klar ist, dass sich der Euro in den nächsten 5-10 Jahren nicht erholen wird, müsste man den Mindestkurs wieder zurückziehen, denn so lange hält das auch die Schweizer Nationalbank nicht durch. (oder man hat so viele Franken ins Ausland verkauft, dass man die eigene Währung gleich abschaffen kann)


M. Schmid
8.6.2012, 11:22

Die unangepassten Jobs in der Schweiz:
1. Polizist
2. Bundesrat
3. Notenbanker

Machen diese Leute die Arbeit gut, gehen die Bürger ihrer üblichen Tätigkeiten nach. Sie kümmern sich nicht um die Probleme und erwarten, dass alles ordentlich weitergeht. Geht dann etwas schief, finden sie die Schuldigen schnell.

Der Vergleich zwischen Polizisten und Notenbank bietet sich an. Die Polizei jagt kriminelle und die Notenbank schützt die Währung vor Hedge-Fonds und ungewöhnlichen Ausschlägen auf den Währungsmärkten. Die SNB hat viel Geld verloren. Doch diesen Preis hätten wir ohnehin bezahlen müssen. Ohne die Intervention der Notenbank, welche die Verluste hinnehmen kann – notfalls auch mit der "Notenpresse" begleichen kann – zahlten wir auf anderen Ebenen. In verschiedenen Phasen der letzten Jahre hätte die Verunsicherung auf den Finanzmärkten zu tieferen Kursen geführt. Wenn sich der Schweizer Franken für Spekulationen anbietet, nutzen das die Spekulanten sofort. Es sind sehr bequeme Teilnehmer am Wirtschaftsleben.

Wir hätten über die Arbeitslosenversicherung zahlen müssen. Das hätte Geld gekostet und aufgrund von starken Franken würden kaum äquivalente Arbeitsplätze geschaffen werden. Somit hätten wir Langzeitarbeitslose. Sicher gingen über den langen Zeitraum, in dem die Leute Arbeitslose sind, viel von ihren Fähigkeiten verloren. Bereits jetzt gingen die Margen vieler Unternehmen gefährlich zurück. Das bedeutet immer Ausfall von Steuereinnahmen. Die müssen woanders eingenommen werden. Ungünstig wenn Sozialausgaben steigen. Die Arbeitnehmer müssen bereits für denselben Lohn länger arbeiten. Mit einem tieferen Kurs wäre es zu Pleiten gekommen oder erheblichen Lohnkürzungen. Die Überreste der Textilindustrie verschwanden in der Schweiz. Eine Batteriefabrik wurde geschlossen, noch eine alt ehrwürdige Produktionsstätte in der inner Schweiz, die Papierindustrie wurde weiter zurechtgestutzt. Mit Steuergeschenke verhinderte Mann ein Kahlschlag bei Novartis. Merck Serono – auch hoch qualifizierte Arbeitsplätze – verlagert von der Schweiz ins Ausland.

Wie nötig die Intervention war, zeigt deutlich, wie stark die Lohnstückkosten in der Schweiz in Euro berechnet in den vergangenen Jahren stiegen. Der Anstieg entspricht durchaus jenen in Griechenland oder Spanien. Was dort geschah wissen wir. Grossbritannien und die USA erfuhren eine Deindustralisierung im Zug zu stark gestiegener Lohnstückkosten. (Avenir Suisse lieferte auf ihrer Homepage vor einer Weile einen interessanten Beitrag dazu) Die Produktivität ist leider eine sehr quantitative Angelegenheit. Es gibt für den Arbeiter kaum noch Möglichkeiten, durch individuelle Fähigkeiten, die Produktivität zu heben. Höhere Produktivität aufgrund von Qualität erfolgt im heutigen, technisierten Umfeld durch Forschung und Entwicklung, sowie über den Einsatz von Maschinen und somit dem Kapital, das dahinter steht. Wo Handwerk gefragt ist – zum Beispiel Uhrenindustrie – geht es noch anders. Aber die Masse der Arbeiter arbeitet nicht an solchen Arbeitsplätzen.

Mit ihren Interventionen verschaffte die SNB vielen Unternehmen wertvolle Zeit. Sie verschafft Unternehmen Zeit, um Innovationen hervorzubringen. Sie wissen, dass sie sich noch stärker ins Zeug hängen müssen. So kann Qualität den erstarkten Franken ausgleichen. Viele Menschen sprechen gerne von Innovationen, leider wissen die wenigsten, dass diese Zeit braucht. Es braucht nicht nur Zeit, um ein Produkt zu entwickeln. Danach muss man es vermarkten – erst dann ist es eine Innovation. Dazu müssen die erforderlichen Produktionsmittel zur Verfügung stehen. Das betrifft unsere eigene Wirtschaft. Einige Schwellenländer entwickeln sich positiv. Ihre Mittelschicht wächst. Dementsprechend steigen Ihre Bedürfnisse. In dem die SNB die Franken Aufwertung abgeflacht, können sich diese weiterentwickeln und Märkte für unsere Unternehmen generieren. Nun muss natürlich die Politik mit Handelsabkommen reagieren, um den Weg zu ebnen.

Ein Staatsfond gründen? An sich eine interessante Idee. Es gibt in der Europäischen Union durchaus Unternehmen, die sich für Investitionen anbieten. Auch in den USA gibt es sehr gute Unternehmen. Am interessantesten sind solide Unternehmen, welche einen guten Stand in den Schwellenländern besitzen. Allerdings ziehen die Politiker den Schwanz sein, sobald es mit den Kursen abwärts geht und Verluste entstehen. Aktien reagieren volatiler als Anleihen. Dennoch währen Anlagen in Aktien klug. Früher war die Nationalbank zu niedrigeren Zinsen in der Schweiz Geld auf und investierte sie ihn "sichere" europäische Staatsanleihen mit höheren Zinsen. Ein sicheres und ertragreiches Geschäft. Das endete und es wird noch lange so bleiben.

Die Intention der Politik, ein Staatsfond zu gründen, gilt es zu hinterfragen. Damit verhält es sich wie mit dem Bankgeheimnis und Steuergeschenken für Holdinggesellschaften. Man akquiriert Wohlstand. Sie versuchen den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Sie würden besser die wirtschaftliche Substanz dieses Landes stärken, indem Weiterbildung und Unternehmertum gefördert wird. Das Jammern der Kantone, weil Geld von der SNB fehlt, zeigt die Bequemlichkeit deutlich. Die Politik sollte die Grundlage für Wohlstand schaffen, zu der auch die Infrastruktur gehört. Stromversorgung und Stromnetz hängen gegenwärtig planlos im Raum. Natürlich sind Debatten um die unabhängige SNB interessanter. An der Unabhängigkeit ändert sich kaum etwas, ein Staatsfond findet wahrscheinlich keine Mehrheit. Somit können Sie den unangenehmen Themen, mit denen sie sich auch mit dem Volk auseinandersetzen müssen, ausweichen. Womit wir bei der Frage sehen, ob die Politik die SNB in schwierigen Zeiten stützt. Selbstverständlich tut sie das nicht. Sie haben viel zu viel Angst, für Verluste gerade zu stehen. Das haben sie sich selbst zuzuschreiben, dass sie mit Ablenkungsmanöver und substanzloser Kritik ihre Wähler wütend machten.

Wenn wir den Frankenkurs freigeben wollen, sollten wir darüber nachdenken, eine Währungspolitik ganz zu liquidieren. Tun wir das, können wir den Grossteil der Währungsreserven der SNB auflösen und damit die Schulden von Bund, Kantonen und Gemeinden abtragen. So sparen wir Zinsen und schaffen Bürger und Unternehmen über die Steuern Luft. Wir könnten Steuerprivilegien abschaffen und ganz normal die Steuern senken, damit sich niemand darüber aufregen kann (zumindest keine juristische oder politische Handhabe hat).

In Anbetracht der Probleme in der Europäischen Union müssen wir uns damit abfinden, dass der Kurs durchaus weiter sinken könnte. Ironischerweise könnte der Austritt von Griechenland dem entgegenwirken. Vorübergehend müsste die SNB massiv eingreifen, doch langfristig kann es günstiger werden.

Ich bezweifle, dass die SNB eine Exitstrategie besitzt. Wie könnte sie auch? Was mit Griechenland geschieht, steht nicht fest. Wie sich Spanien, Italien und Frankreich entwickeln steht aus. Was geschieht in den USA nach den Präsidentschaftswahlen (Schulden, Arbeitsmarkt, Steuern)? Es gibt verschiedene Optionen. Dazu kommen politische Probleme wie Syrien oder noch schlimmer der Iran. Wie entwickelt sich die Streifelder USA-China. All das beeinflusst die Wirtschaft und somit die Währung. Dazu kommt unser Streit mit der Welt um das Bankgeheimnis und Steuerprivilegien. Die SNB kann das meiste in keiner Weise beeinflussen. Sie hat das Problem, sich um die Währung eines politisch unbedeutenden Staat (in Relation zu den Staaten deren Währungen uns Sorgen bereiten) mit einer starken Volkswirtschaft zu kümmern. Sie muss mangelndes politisches Gewicht ausgleichen. Sie muss sich mit offenen Märkten auseinandersetzen, der Tatsache, dass sich viel vom Franken handeln ausserhalb der Schweizer Jurisdiktion und somit dem langen/kurzen Arm der SNB bewegt.

Da die Aufwertung vom Franken primär von aussen kam, konnte die SNB lediglich Schadensbegrenzung betreiben. Es liegt weder in ihrer Macht noch in der Macht der Schweiz diese Probleme zu lösen. Betreibt man Schadensbegrenzung, geht es – wie der Name es sagt – darum den anstehenden Schaden zu minimieren. Dementsprechend entstanden Verluste. Die Verluste auf dem Papier sind jener der wirtschaftlichen Substanz vorzuziehen. Dazu zählen Arbeitslose, die vielleicht nie wieder einen Job in ihrem Beruf finden, an sich innovative und effiziente Unternehmen, die untergehen. Politik und die Bürger müssen verstehen, dass die beste Option gelegentlich die ist, den Schaden gering zu halten. Manchmal lässt sich kein Gewinn erwirtschaften. Die Tiefphase zu überstehen erlaubt dann in der Hochphase Gewinne zu erwirtschaften. So entstehen auch Währungsreserven. Und Reserven sind dazu da, um in schlechten Zeiten verzehrt zu werden.


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